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Wissenswertes zum “Mondgedicht”

Das Abendlied "Der Mond ist aufgegangen" zählt zu den bekanntesten Gedichten von Matthias Claudius und der deutschen

Literatur überhaupt. Seine erste Veröffentlichung fand 1771 im "Vossischen Musenalmanach" statt. Vorlage war Paul Gerhardts

"Nun ruhen alle Wälder" von 1653.

*** Die Zeitung “Die Welt” schreíbt dazu in Ihrem Kulturteil am 21.01.2015 folgenden interessanten Artikel [1]: Das "Abendlied" ist das berühmteste Gedicht Kein deutsches Gedicht wird so oft gedruckt wie dieses: "Der Mond ist aufgegangen". Auch 200 Jahre nach seinem Tod schlägt Matthias Claudius selbst Goethe nach Punkten. Ein Experte erklärt warum. Das berühmteste deutsche Gedicht? Stammt nicht etwa von Goethe oder Schiller, sondern von Matthias Claudius, der heute vor 200 Jahren starb. So wenig man mit dem Dichter noch verbindet, so sehr kennt, hört und singt man bis heute sein "Abendlied": "Der Mond ist aufgegangen / Die goldnen Sternlein prangen / Am Himmel hell und klar". Ist das romantisch? Schon. Kitschig? Vielleicht. Aber vor allem tröstlich. Versöhnlich. Friedlich. Dunkelheit ist "eine stille Kammer / Wo Ihr des Tages Jammer / Verschlafen und Vergessen sollt", dichtete Claudius – nicht nur für Kreuzfromme. Säkularisiert lebt der gute Einschlafwunsch, das menschliche Urbedürfnis über Generationen und Zeitalter hinweg, bis heute fort, etwa im Grußritual, mit dem Ulrich Wickert, der Matthias Claudius der ARD-Tagesthemen, uns Zuschauern von 1991 bis  2006 eine "geruhsame Nacht" wünschte. Egal, was war und ist, findet Ruhe! Claudius erfand mit dem "Abendlied" das Baldriparan Forte der deutschen Lyrik, die Nummer eins noch vor "Wandrers Nachtlied" von Goethe. Bei Claudius geht es nicht atemlos durch die Nacht wie bei der Schlagersängerin Helene Fischer, vielmehr lässt er einen ganz schön schlottern, mit seiner metaphysischen Unruhe: "Verschon uns, Gott! mit Strafen! / Und lass uns ruhig schlafen." Im Grunde denkt sich Claudius die Nacht als "Großes Kino für uns zwei" wie Helene Fischer, nur dass die zwei bei ihm Gott und Mensch, wenn nicht sogar Gott und Menschheit sind: "Lass uns ruhig schlafen! / Und unseren kranken Nachbarn auch!" Über 70 Vertonungen kennt das noch vor der Französischen Revolution entstandene "Abendlied", die erste von Schubert, die bislang letzte von Herbert Grönemeyer. Unzählige Parodien ("Der Mund ist aufgegangen"), Verballhornungen und Zitate – etwa in Ingrid Nolls Krimi "Kalt ist der Abendhauch" – sind da noch nicht einmal eingerechnet. Wie aber kann man überhaupt messen und wissen, dass dieses Claudius-Gedicht das populärste aller deutschen Gedichte ist? Nun, man muss sich, am besten ganz weit weg vom kalten Mond, einfach mal sommers auf die Terrasse des Deutschen Literaturarchivs Marbach wagen. Mit etwas Glück trifft man dort Hans Braam, einen älteren, sympathischen Herrn mit Hosenbund über dem Bauchnabel und Schnauzbart. Braam kommt seit vielen Sommern regelmäßig nach Marbach und wertet Anthologien, also Gedichtsammlungen, nach Häufigkeit der in ihnen versammelten Gedichte aus. Je mehr Gedichtsammlungen sich auf das gleiche Gedicht einigen, desto eher gehört es zum Kanon. Was landet im Kanon? Braam führt auf seinem Laptop, das tatsächlich noch mit MS-DOS läuft, Belege über 4000 Dichter und mehr als 40.000 Gedichte. "1987 habe ich das Ding angefangen", sagt er in schönstem Rheinländisch über seine Datenbank, die ein Buchgenre vermisst, das so aparte Titel trägt wie "Gedichte fürs Gedächtnis" (Ulla Hahn) oder "Ewiger Vorrat deutscher Poesie" (Rudolf Borchardt). Vielleicht ist Braam mit seiner Datenbank und seiner Kenntnis der Vorratsversexperte für den lyrischen Kanon im deutschsprachigen Raum. Auf jeden Fall hat er den Nachweis erbracht, dass kein Gedicht so häufig in deutschen Gedichtsammlungen auftaucht wie Claudius' "Abendlied". Es ist, wie Hans Braam und Lutz Hagestedt von der Uni Rostock einmal in einem Aufsatz schrieben, "seit Jahrzehnten unangefochten das am besten belegte deutsche Gedicht in deutschen Anthologien". Mit mehr als hundert Belegen rangiert es weit vor Goethe, der mit rund 80 Treffern die Plätze zwei und drei belegt, und zwar mit "Erlkönig" und "Wandrers Nachtlied". Und wenn man Braam und Hagestedt Glauben darf, dann hat Claudius' "Abendlied" nicht nur alle politischen und ideologischen Zeitläufte unbeschadet überstanden, es wird auch, wie es scheint, "niemals vom ersten Platz der Rangfolge verdrängt werden". Einmal Heavy Rotation, immer Heavy Rotation? Vielleicht funktionieren Gedichtsammlungen tatsächlich kaum anders als Hitradios. Wobei man zu Ehren von Claudius sagen muss, dass er – bei aller Popularität des "Abendliedes" – kein One-Hit-Wonder ist. In der auf Hans Braams Datenbank basierenden Sammlung "Die berühmtesten deutschen Gedichte" (Kröner) kann man weitere Claudius-Gedichte entdecken: sein "Kriegslied" zum Beispiel, das wohl nicht zufällig erst nach 1945 kanonisiert wurde, weil es vorher als wehrkraftzersetzend gelesen wurde: "Wenn wackre Männer, die sich Ehre suchten / verstümmelt und halb tot im Staub sich vor mir wälzten und mir fluchten in ihrer Todesnot", dann nennen wir das heute Trauma. Claudius hat viele lebenskluge Gedichte über den Mensch und den Tod geschrieben, aber auch die Schönheit davor: "Seht ihr den Mond dort stehen? Er ist nur halb zu sehen / Und doch rund und schön!" [1] zitiert: http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article136582839/Das-Abendlied-ist-das-beruehmteste-Gedicht.html ***

Dank der Melodie von Johann Abraham Peter Schulz in der Sammlung "Lieder im Volkston" (1790) fand das Abendlied auch in

der Musik seinen Platz und erfuhr bisher mehr als 70 Vertonungen, von Franz Schubert und Michael Haydn, über Max Reger

und Ernst Pepping, bis Carl Orff und Herbert Grönemeyer.

Nicht zuletzt deshalb ist es wert, dieses wunderschöne Gedicht an dieser Stelle noch einmal in voller Länge abzudrucken. Möge jeder beim Lesen der Verse seinen eigenen Gedanken nachhängen.

Der Mond ist aufgegangen

Der Mond ist aufgegangen

Die goldnen Sternlein prangen

Am Himmel hell und klar.

Der Wald steht schwarz und schweiget,

Und aus den Wiesen steiget

Der weiße Nebel wunderbar.

Wie ist die Welt so stille,

Und in der Dämmrung Hülle

So traulich und so hold!

Als eine stille Kammer,

Wo ihr des Tages Jammer

Verschlafen und vergessen sollt.

Seht ihr den Mond dort stehen?

Er ist nur halb zu sehen,

Und ist doch rund und schön!

So sind wohl manche Sachen,

Die wir getrost belachen,

Weil unsre Augen sie nicht sehn.

Wir stolze Menschenkinder

Sind eitel arme Sünder,

Und wissen gar nicht viel.

Wir spinnen Luftgespinnste,

Und suchen viele Künste,

Und kommen weiter von dem Ziel.

Gott, laß uns dein Heil schauen,

Auf nichts Vergänglichs trauen,

Nicht Eitelkeit uns freun!

Laß uns einfältig werden,

Und vor dir hier auf Erden

Wie Kinder fromm und fröhlich seyn!

Wollst endlich sonder Grämen

Aus dieser Welt uns nehmen

Durch einen sanften Tod

Und, wenn du uns genommen,

Laß uns im Himmel kommen,

Du unser Herr und unser Gott!

So legt euch denn, ihr Brüder,

In Gottes Namen nieder;

Kalt ist der Abendhauch.

Verschon’ uns, Gott! mit Strafen,

Und laß uns ruhig schlafen!

Und unsern kranken Nachbar auch!