Herzlich Willkommen

Gloria a Dios

Die Welt ist ein Schauplatz, Du kommst, siehst und gehst vorüber.

Matthias Claudius

© Claudius-Ensemble 

Foto: Jan Pauls Fotografie, Berlin
Aufführungen des Programms Samstag, 19. Juni 2010 19:00 Uhr Inselkirche Hermannswerder Sonntag, 20. Juni 2010 17:00 Uhr Kaiser-Friedrich-Kirche Golm * Dirigent: Jens Bauditz      

Das Claudius-Ensemble präsentiert:

Dorothe Ingenfeld, Mezzosopran

Alexander Fleischer, Klavier

Jonas Fehrenberg, Gitarre

Louis Gonzales, Percussion

Das Claudius-Ensemble präsentiert in seinem Konzert "Gloria a Dios", übersetzt "Ehre sei Gott", eine besondere Kombination geistlicher Vokalmusik und möchte an zwei ganz unterschiedlichen Komponisten und deren kontrastierender zeitlicher und lokaler Herkunft aufzeigen, wie vielfältig Menschen ihren Glauben leben und besingen. Im ersten Teil des Abends hören Sie Chormusik von Felix Mendelssohn Bartholdy. Der romantische Musiker und Komponist entstammte einer wohlhabenden bürgerlichen Familie jüdischen Glaubens. Sein Vater Abraham Mendelssohn erzog aber alle seine Kinder im christlichen Glauben, so wurde bei der protestantischen Taufe dem Familiennamen der christliche Zusatz Bartholdy angefügt.  Auch die Eltern des 1809 Geborenen konvertierten 1822 zum Christentum. Früh erhielt Felix Mendelssohn Bartholdy Musikunterricht bei seiner Mutter, bereits als elfjähriger Altsänger der Sing-Akademie zu Berlin lernte er die Chorwerke alter Meister kennen und begann selbst in ungewöhnlicher Schnelligkeit zu komponieren. Im Jahre 1829 führte Mendelssohn als Dirigent der Sing-Akademie zu Berlin eine eigens bearbeitete Version von Johann Sebastian Bachs „Matthäus- Passion“ auf, erstmalig seit dem Tod des bis dahin eher vergessenen barocken Thomaskantors. Sein eigenes Schaffen, seine Chormusik, die Oratorien und Motetten, stehen in dieser barocken Tradition. Seine geistliche Musik ist Zeugnis eines tiefen christlichen Glaubens, auch wenn er auf seinen Konzertreisen häufiger auf den Namenszusatz Bartholdy verzichtete. Mendelssohn wurde in eine Zeit geboren, als das "Heilige Römische Reich Deutscher Nation" von Napoleon besetzt wurde. Die Menschen kamen in Kontakt mit den Idealen der Französischen Revolution; zunehmend entstanden Einheitsgedanken und Nationalbewusstsein in Deutschland, bis hin zur Gründung eines ersten Parlaments, kurz nach Mendelssohns frühem Tod, im Jahre 1848. Seine "Drei geistlichen Lieder" op. 96 entstanden im Jahr 1840. Zunächst dichtete Mendelssohn den Zyklus für Chor, eine Solistin und Orchester, schuf drei Jahre später noch jenen Orgel- bzw. Klaviersatz, der heute erklingt. Aus dem Todesjahr des Komponisten, 1847, stammen die Motetten op. 69, von denen das "Claudius-Ensemble" die deutsche Variante des Magnificats, "Mein Herz erhebet Gott, den Herrn", interpretiert. Der Text entstammt dem Lukasevangelium und gibt den Lobgesang der Maria, nachdem sie Nachricht von der Empfängnis Jesu erhalten hatte, wieder. Das Gebet "Verleih uns Frieden" ist Martin Luther deutsche Übersetzung des "Dona nobis pacem", von Mendelssohn 1831 in ruhig fließende Harmonien gekleidet. Die erklingende Fassung stammt von Paul Horn, im Original wird der Chor von einem Kammerorchester begleitet. Im zweiten Teil des Abends erklingt die "Misa criolla" von Ariel Ramírez, eine zeitgenössische folkloristische Messe basierend auf Rhythmen und Traditionen der Musik Südamerikas. Sie ist eine Synthese von volksliedhaften und liturgischen Stilen und drückt eine für uns ganz außergewöhnliche Begegnung mit dem mannigfaltig vertonten Messtext aus. Das "Claudius-Ensemble" wird in der heute erklingenden Fassung von Klavier, Gitarre, Percussion und einer Sopranistin ergänzt. Ariel Ramírez, geboren 1921 in Santa Fé, Argentinien, komponierte seine kreolische Messe in den Jahren 1963/64, kurz nachdem das Zweite Vatikanische Konzil die Lesung der heiligen Messe in Landessprache gestattet hatte. Die Idee zu seinem Werk kam Ramírez bei einem Klosteraufenthalt in Würzburg. Zwei Ordensschwestern berichteten ihm von ihren Taten zur Zeit des Nationalsozialismus, als sie Gefangene eines nahegelegenen Konzentrationslagers mit Lebensmitteln versorgten. "Als die beiden Beschützerinnen ihre Geschichte beendet hatten, verspürte ich den Wunsch ein Werk zu schreiben, ein tiefes, religiöses Werk, das das Leben preist, ein Werk für alle Menschen unabhängig ihrer Glaubensrichtung, ihrer Rasse, Farbe oder Herkunft. Das sich auf den Menschen bezieht, auf seine Würde, seinen Wert, seine Freiheit, die Achtung des Menschen und seinen Bezug zu Gott, seinen Schöpfer." Ramírez, ein Experte in der Historie und Entwicklung argentinischer Volksmusik, spezialisiert sich in jedem seiner fünf Messteile auf eine andere Region Südamerikas und deren traditionelle Tanzrhythmik und verbindet diese mit der offiziellen spanischen Messliturgie. Das Kyrie, die dreifache Bitte an Gott und Christus um Erbarmen, führt den Rhythmus der "Vidala-Baguala", charakteristisch für die einsamen, tristen Hochplateaus in Nordargentinien. Das Gloria dagegen beginnt im Format des "Carnavalito", das die Lebensfreude der Anden reflektiert und seine Heimat ebenfalls in Nordargentinien hat. Überschwänglich dialogisieren Chor und Solistin in der Verkündigung des "Ehre sei Gott". Wesentlich inniger erscheint dann der rezitativische Mittelteil als Klagegesang ("Yaravi") aus Peru, bevor "Gloria a Dios" erneut als "Carnavalito" ertönt. Der dritte Teil der "Misa criolla", das Credo, basiert auf der zentralargentinischen "Chacarera trunca". So interpretiert Ramírez das Glaubensbekenntnis als fröhlichen Volkstanz – "chacra" bedeutet Acker –,  einem Tanz in Paaren, für den rhythmisches Fingerschnippen, Händeklatschen, das Steppen der Männer und Rockschwingen der Frauen typisch sind. Der eingefügte Abschnitt "La-ra la-ra", folgend auf die Textpassage "hinabgestiegen in das Reich des Todes",  koloriert den Jubel der anschließenden Auferstehung Jesu. Zudem verwendet Ramírez einige Pluralformen und Textwiederholungen, um glaubensintensive Steigerungen darzustellen. Wie im Credo, so stehen auch im mit "Carnaval cochabambino" überschriebenen Sanctus die Taktarten 3/4 und 6/8 in ständigem Wechsel. Das Sanctus ist die traditionelle Heilig-Verehrung im Ablauf des Ordinariums. Als "Cochabambinos" werden die Einwohner der viertgrößten Stadt Boliviens, Cochabamba, bezeichnet. "Carnaval cochabambino" ist ein ungewöhnlicher bolivianischer Rhythmus mit dezentem Beat. Das Agnus Dei beendet die kreolische Messe, wie sie im Kyrie begann – ruhig und besinnlich. Überschrieben als "Estilo pampeano", im Stile der Pampas, spiegelt es die unendliche Grassteppe des landwirtschaftlichen Kernlands Argentiniens wider, wo vor allem Rinderzucht betrieben wird. Die Folklore der Pampa ist ein Abkömmling der spanischen Volksmusik, insbesondere der Zarzuela, oft in Moll, oft voller Melancholie. Die simple Erzählweise der Solistin verleiht dem tiefen Wunsch nach Frieden tröstenden Ausdruck. Bald nach seiner Uraufführung gewann das Werk an Popularität; in Argentinien, wo etwa 90% der Einwohner römisch-katholischen Glaubens sind, und rund um den Globus. Der Komponist selbst leitete viele Aufführungen, es liegen Aufnahmen u.a. mit Mercedes Sosa und José Carreras vor. Bereits heute gilt es als das berühmteste Stück argentinischer Sakralmusik. Erst vor wenigen Monaten verstarb der 88jährige Ariel Ramírez in der Nähe von Buenos Aires. Jens Bauditz (Juni 2010)
Herzlich Willkommen Foto: Jan Pauls Fotografie, Berlin