Herzlich Willkommen

O let me live!

In uns ist zweierlei Natur, doch ein Gesetz für beide:

Es geht durch Tod und Leiden nur der Weg zur wahren Freude.

Matthias Claudius

© Claudius-Ensemble 

Aufführungen des Programms Samstag, 17. Oktober 2009 17:00 Uhr Dorfkirche Petzow Sonntag, 18. Oktober 2009 17:00 Uhr Versöhnungskirche Kirchsteigfeld * Dirigent: Jens Bauditz      

"O, lass mich leben für wahre Liebe. Fa la la la la … O, lass mich leben, doch lass mich nicht

länger leben, als dass mein Leben meine Liebe noch stärker macht.

Fa la la la la …"

Die Liebe gehört wohl zu den ältesten Themen der Menschheit, wohl zu den ältesten Themen

der Musiker und Poeten; nichts kann zur gleichen Zeit so glücklich und grausam, so bewegend

und entmutigend sein, dem Herzen soviel Schwere und Leichtigkeit bescheren.

Das Potsdamer "Claudius-Ensemble" möchte in seinen Debütkonzerten den Reichtum und die Facetten der Liebe beleuchten, möchte dabei emotionale wie musikalische Kontraste zeichnen. So erklingen alte Madrigale, deren zehn Komponisten aus Italien, Frankreich und Spanien über ein ganzes Jahrhundert umspannen, neben einigen zeitgenössischen Sprachetüden des Finnen Einojuhani Rautavaara. Der 1928 geborene Komponist nähert sich in seiner Sammlung "Ludus verbalis", was soviel wie Sprachspielereien besagt, der deutschen Grammatik und dient unserem Konzert als, im wahrsten Sinn des Wortes, verbale Brücke in Fragen zwischenmenschlicher Beziehungen. Das Madrigal erfreute sich im 16. Jahrhundert großer Beliebheit und erreichte von seiner Wiege in Italien europaweite Bedeutung. Das Wort geht möglicherweise auf das lateinische "cantus materialis" zurück, was im Gegensatz zu "cantus spiritualis" weltlicher Gesang bedeutet. Das Bewusstsein der Renaissancemenschen schloß sein Temperament und seine Emotionen ein, was, pauschal geschrieben, nicht immer so war. Liebe und Schmerz in einer Mischung aus Freud und Leid sind die häufigsten poetischen Motive. In einer Zeit des Aufbruchs, einer Zeit mit neuen Techniken u.a. im Transport- und Nachrichtenwesen, einer Zeit der Reformation und Gegenreformation, einer Zeit des machtpolitischen Kampfes zwischen dem deutschen Kaiser Karl V. und Frankreichs König Franz I., des Krieges zwischen England und Spanien, einer Zeit der ständigen Bedrohung durch die bis nach Wien vorstoßenden Osmanen – in solchen Zeiten ging der Fokus auf das Individuum, auf die eigenen Leidenschaften nicht verloren, wurde sogar forciert. Drei italienische Renaissance-Meister eröffnen den Abend. Jakob Arcadelt und Cyprian de Rore, zwei Komponisten aus Flandern, schreiben von Todessehnsucht und Trauer. Beide wirkten in Italien – Arcadelt in Diensten des Vatikans, de Rore u.a. als Kapellmeister an Venedigs St. Marco und in Parma. "Der weiße und liebliche Schwan stirbt singend, und ich erreiche weinend das Ende meines Lebens" beginnt "Il bianco e dolce cigno", in "Mia benigna fortuna" finden sich verzweifelte Worte des Dichters Francesco Petrarca: "Die klaren Tage und friedvollen Nächte und lieblichen Seufzer und süße Art […] drehen sich plötzlich in Weh und Weinen, zu hassen mein Leben und zu begehren den Tod." Diesem Sonett liegt eine (möglicherweise imaginäre) Begegnung Petrarcas mit einer verheirateten Frau zugrunde, die er Laura nannte und sein ganzes Leben unerwidert verehrte. Giovanni Gastoldi, einer der ersten bedeutenden Madrigalkomponisten, zeigt sich in "Amor vittorioso" amüsiert und kampfbereit gegenüber den Frauen und der Liebe. "Sie erscheinen als starke Helden, die sich gegen dich entscheiden […], aber jene, die wissen, wie sie dich verwunden, werden nicht wissen, wie sie sich selbst verteidigen…" Freundlich bis überschwänglich verehren die französischen Liebhaber von Thoinot Arbeau und Orlando di Lasso ihre Sehnsuchtsdamen. "Schönste, die du mein Leben in deinen Augen gefangen hälst, […] komm doch, sei nicht mehr abweisend, denn mein Herz ist dein…" heißt es in der bekannten Pavane "Belle, qui tiens ma vie", über die Arbeau, ein ebenso bedeutender Tanztheoretiker, schrieb: "Vorerst werde ich ihnen eine Pavane geben […] welche genügen wird, um alle anderen tanzen zu können, oder sie […] singen oder spielen zu lassen." Der am Münchener Hof engagierte di Lasso hinterließ ein besonders umfangreiches Werk, komponierte in vier Sprachen: Latein, Italienisch, Französisch und Deutsch. Vom "süßen Frühling" über "mein Spatz" bis zum "zarten Turtelchen" begrüßt di Lassos fantasiereich lyrischer Bewunderer sein französisches "mon coeur". Ein trauriges Abschiedslied dagegen ist "Adieu, sweet Amaryllis". John Wilbye vertonte seine Übersetzung eines italienischen Textes. Der Name Amaryllis hat so noch eine tiefere Bedeutung, denn das italienische "amaro" heißt übersetzt "bitter". Dieser "süß-bittere" Kontrast war ein beliebtes Wortspiel in italienischen Renaissance-Madrigalen. Wilbye wirkte, wie die anderen englischen Madrigalisten dieses Programms, in Englands "Goldenem Zeitalter" der Elisabethanischen Ära, als Shakespeare seine Dramen verfasste und die englische Musik einen eigenen Stil und damit ein Gegengewicht zu den italienischen Madrigalisten entwickelte. Erneut Orlando di Lasso kleidet sein italienisches Ständchen "Matona mia cara" in süßliche Töne. Voller Drängen, Komplimenten und Versprechen umwirbt ein Landsknecht sein "zartes, braunes Rehlein". Wesentlich unsentimentaler agieren die Protagonisten in Juan del Encinas spanischen Versen. "¡Cucu, cucu!" imitiert den Ruf des Kuckuck, auch eine Bezeichnung für den gehörnten Ehemann. "Geh sicher, dass du deine Frau glücklich machst" und "sei wachsam […], wenn deine Frau raus zur Toilette geht, geh mit ihr" lauten die weisen Ratschläge. "Schlimme Neuigkeiten" werden in "Fata la parte" verbreitet: "Herrn Cotals Frau ist tot." Allerdings starb sie keines natürlichen Todes, "denn er fand sie mit einem Spanier allein in seinem Haus, dafür tötete er sie." Der Ertappte aber floh und erntet handfeste Drohnungen: "Auf meinem Bett werde ich dir eine Waffe geben, und es wird der Refrain eines Leichenliedes werden, wieder und wieder." Nochmals tragisch wendet sich das Claudius-Ensemble der Farbenpalette der Liebe mit dem Madrigal "Weep, o mine eyes" zu. John Bennets Melodie erinnert stark an John Dowlands "Flow my tears", das ein Jahr später veröffentlicht wurde, und koloriert tiefen Kummer: "Weint, o meine Augen! Und schweigt nicht! […] O wollt beginnen die hohe Flut, dass ich darin ertrinke!" Im abschließenden "O let me live!", der schon eingangs zitierten Musik von Thomas Tomkins, machen sich zunächst tiefe Sehnsucht und schwere Verzagtheit breit. Doch mit etlichem "Fa la la la la" verrät uns der Verzweifelte auch ein Augenzwinkern und zeigt uns dabei, dass alle Seelenlast auch eine unbeschwerte Seite haben kann, dass unsere emotionalen Kontraste doch sehr nah beieinander liegen können. "Fa la la la la …" Jens Bauditz (Oktober 2009)
Herzlich Willkommen Foto: Jan Pauls Fotografie, Berlin